Der große Nachteil bisheriger Studio - Produktionen ist die Tatsache, daß ein Großteil der Nutzungsdauer eines Studioraumes nicht für die eigentliche Produktion, sondern für Auf-, Ab- und Umbauarbeiten sowohl für die Hintergrundkulissen als auch für die Ausrichtung der Beleuchtung, aufgewandt wird.
Die Herstellungs- und Lagerungskosten reeller Kulissen sind im Vergleich zu ihrem Lebenszyklus nicht zu unterschätzen. Die Möglichkeiten die ein herkömmliches reelles "statisches" Set bietet sind durch Materialien und Fertigungstechniken begrenzt. Virtuelle Studios scheinen in dieser Hinsicht große Vorteile zu bieten. So sind der Kreativität und der Phantasie eines Set - Designers kaum Grenzen gesetzt. Die virtuellen Kulissen können durch Animationen relativ einfach sogar "dynamisch" gestaltet werden, und auf Knopfdruck sogar geändert werden.
Statt Lagerraum benötigen sie nur Speicher und selbst die millionenschwere Anschaffung eines solchen Systems rechnet sich nach kurzer Zeit.
Hier muß nun unterschieden werden nach der Tragweite des Systems. Prinzipiell ist es möglich eine komplette virtuelle Produktion herzustellen. Das heißt, Eine Sendung ohne reelle Personen oder Gegenstände. Ein schönes Beispiel hierfür ist die ZDF-Sendung "X-Base" in der der Avatar, also der virtuelle Moderator, Eddie Highscore in einem virtuellen Studio über Neuigkeiten vom Spiele- und Computermarkt berichtete. Hierbei handelt es sich um eine komplett virtuelle Produktion.
Zur Zeit verbinden jedoch doch die meisten mit dem Begriff, daß eine reelle Person oder Gegenstand in einer vom Computer generiertem Studiobild agiert. Das heißt ein Moderator oder Schauspieler arbeitet in einer "Blue-Box", während der Computer die Kulisse gestaltet. Diese Art wird z.B. in der Pro7 Sendung "Welt der Wunder" angewandt.
Die dritte angewandte Kombination ist eher selten anzutreffen. Hierbei wird in einer reellen Kulisse ein oder mehrere Avatare animiert, welche zum Teil noch mit reellen Personen zusammen wirken. Ein sehr schönes Beispiel ist die Spielfigur "Lara Croft" aus der Computerspiel - Reihe "Tomb Raider". Diese durfte nicht nur im Sommerhit 1998 "Männer sind Schweine" gegen die Ärzte kämpfen, demnächst soll sie uns auch in Werbespots begegnen.
In einem "Blue - Box" Studio, d.h. in einem komplett blauen Studio arbeitet der Moderator. Hierbei ist interessant, daß das Studio auch rot oder grün sein könnte, aber es für uns Menschen angenehmer zu sein scheint in einem blauen Raum zu arbeiten. Vom Moderator wird dabei ein großes Abstraktionsvermögen gefordert, da er die Kulisse nicht sieht bzw. nur über einen Monitor beobachten kann.
Damit sich der Moderator frei im Studio bewegen kann, müssen Verdeckungen des Moderators durch die computergenerierte Kulisse erkannt und beim Mischen der Aufnahmesequenzen berücksichtigt werden. Dies löst man mit Hilfe von Ultraschallmessungen, mit denen der Abstand des Moderators zur Kamera bestimmt wird. Somit kann festgestellt werden ob der Moderator von Kulissenelementen verdeckt wird, ist dies der Fall so werden die entsprechenden Körperpartien maskiert.
Abbildung 1-1. Moderator und virtuelle Kulisse

Ein weiteres Problem der virtuellen Studios ist die Simulation der Beleuchtungsverhältnisse. Wird im reellen Studio ein Scheinwerfer verstellt, so müssen auch in der virtuellen Kulisse die Beleuchtungsverhältnisse neu berechnet werden. Der natürliche Lichtverlauf wird nach einer oft mehrere Tage dauernden Rechenverfahren vorberechnet und als Satz von Helligkeitswerten in einer Tabelle abgelegt. Bei der Echtzeitberechnung werden diese dann über Algorithmen an die Studiolichter gekoppelt und entsprechend der Tabelle wird die Helligkeitsverteilung in der virtuellen Kulisse geregelt. Dazu muß ein System alle üblichen im Studiobetrieb vorkommenden Lichter darstellen können, hierzu zählen z.B. Fluter, Oberflächenlichtquellen und diffus reflektierende Spots.
Selbst Kleinigkeiten wie der Schatten des Moderators auf dem Studioboden können mittlerweile miteinberechnet werden. Probleme bereiten hingegen sogenannte Spiegeleffekte.
Um einen zufriedenstellenden Einsatz zu erreichen, reicht es nicht aus die Kamera nur in ihrer Position und Orientierung zu berücksichtigen. Ferner müssen auch die Kameraabhängigen Parameter wie z.B. Farbtemperatur, Blende und Brennweite berücksichtigt werden.
Abbildung 1-2. Virtuelles Studio
